Freitag

Part 1



„Und wenn Worte aufhören einen Sinn zu ergeben,
muss man Gefühle eine Geschichte zu Ende erzählen lassen.“

Man kann nur über das Schreiben, was man selbst erlebt hat. Lina streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Hände sind kalt, sie zittert. Der Weg nach Hause kommt ihr unendlich lang vor. Die Straßen sind sich in der Nacht so ähnlich. Graue Häuser reihen aneinander, davor graue Vorgärten, alles unter einem pechschwarzen Himmel und bedeckt von einer Stille, die nur einsame Sirenen in der Ferne durchbrechen. Schemenhafte Erinnerungen bahnen sich in ihr Bewusstsein – eine Hand an ihrem Rücken, ein Lächeln, eine unbestimmte Sehnsucht. Und diese Augen, diese Augen von einer unergründlichen Tiefe und doch zugleich einer fast familiär anmutenden Nähe. Lina stolpert in der Dunkelheit, fängt sich unsanft mit den Händen am Bordstein auf. Die plötzlich unerwartete Realität trifft sie hart. Es ist wirklich passiert. Das hier, dieser Moment, kein Traum. Ihre Handflächen brennen, in den Abschürfungen sammelt sich langsam ihr Blut. Lina seufzt. Sie steht auf, klopft den Staub aus ihrer Jeans. Ihr Blick wandert in den dunklen Nachthimmel. Das Licht der Stadt ist so hell, dass sich die Sterne am Firmament nur erahnen lassen. Noch immer fühlt sich alles so surreal an. Als wären die letzten Stunden einer ihrer wirren Träume gewesen, die sie jede Nacht in so großer Zahl heimsuchen. Lina weiß nicht ob das Gefühl in ihrer Brust Glück ist – es ist nicht greifbar. Langsam setzt sie ihren Heimweg fort. Ihre Gedanken lassen das Geschehene Revue passieren. Oft hatte Lina gedacht, sie hätte das Leben verstanden, das große Geheimnis durchblickt. Jedes Mal war sie eines besseren belehrt worden. Dieses Mal verstand sie gar nichts. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wusste sie, dass sie nichts verstehen wollte. Was gerade mit ihr passierte, das war keine Sache des Verstands, kein kognitiver Vorgang, keine Logik. Es war Gefühl. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie war berauscht von Wahrnehmungen, die sie so zuvor nie erlebt hatte. So sehr sie versuchte einen Anfang zu rekonstruieren, es gelang ihr nicht einen Ausgangspunkt auszumachen für das Gefühl der Unendlichkeit, das sie in jeder Faser ihres Körpers durchdrang. Er hatte die schönste Augen in die sie jemals geblickt hatte und das nicht, weil ihre Farbe so besonders, oder der Ring um seine Pupille so einzigartig waren, sondern weil sie etwas ausstrahlten, von dem Lina nicht einmal bewusst gewesen war, dass sie es in ihrem Leben vermisste. Der Nachtwind schlug ihr kühl entgegen als sie endlich in den Hof  vor ihrem Haus einbog. Als sie an diesem Abend losgezogen war, hatte sie eine ausgelassene Feier erwartet und nicht den Beginn eines Jane Austen reifen Liebesdramas. Sie war die Stufen zum Club hinabgestiegen, hatte ihren Blick über die ausgelassenen Menschen schweifen lassen und war zur Bar gegangen. Der Alkohol – ein wesentlicher Bestandteil dieses Abends, der jetzt zu Hause ihr Bett in ungleichmäßigen Kreisen drehen ließ und jegliche logische Nachvollziehbarkeit ihrer Gefühle ausgeschaltet hatte – schmeckte bittersüß. Ein Geschmack, der für Lina das Leben in seiner Eigenartigkeit am besten beschrieb. „Man darf sich nie zu sicher sein“, hatte ihr Großvater immer gesagt, „Hinter jeder Ecke könnte das Schicksal auf einen warten.“ Aber Jonas stand hinter keiner Ecke, sondern direkt neben ihr. Er lächelte sie an, er sprach mit ihr. Auch wenn die beiden keine gemeinsame Geschichte verband, waren sie einander nicht unbekannt. Umso außergewöhnlicher erscheint das, was sich an jenem Abend zwischen den beiden zu entwickeln schien. Der Ursprung dieser Gedanken und vor allem Gefühle blieb Lina ein Rätsel – war es eine Berührung, ein Wort oder ein Lächeln gewesen? Eine stille Übereinkunft, dass man sich füreinander interessierte? Aber es war mehr als bloßes Interesse. Es war eine tiefe innere Anziehung, eine seltsam fremde Macht, die sie ergriffen zu haben schien. Keine Anziehung, die sich leicht durch Alkoholkonsum und das schummrige Licht hätte erklären lassen. Das was da passiert war, war tiefer. Es war fester in ihre Seele und ihr Herz eingebrannt als ihr lieb war. Es tat weh, körperlich. Das Gefühl zerdrückte ihr förmlich den Brustkorb. Es ergriff ihr Herz und drückte mit aller Kraft zu. Einzig und allein sei Blick schien sie von dem Schmerz zu befreien. Auch Jonas schien zu bemerken, dass das was gerade passierte, nicht normal war. Als Lina schließlich gehen wollte, weil sie dieser Anziehung unmöglich länger widerstehen konnte, folgte er ihr, obwohl die beiden sich bereits verabschiedet hatten. Der Drang sie zu küssen überwältigte ihn, aber er war standhaft genug nicht nachzugeben. Ihm war sofort bewusst gewesen, dass es von unabdingbarer Wichtigkeit war, diesmal nichts falsch zu machen, zu überstürzen. Er ließ sie gehen.
Lina wachte auf, ihr Kopf benebelt vom restlichen Alkohol, war ihr für einen kurzen Moment nicht bewusst, was Realität und was Vorstellung gewesen war. Nur einen Moment nach dem Aufwachen schlug das Gefühl erneut zu. Ihre Brust wurde schwer, ihre Atmung war so unregelmäßig, als hätte sie einen Dauerlauf hinter sich. Die Sehnsucht nach ihm überwältigte Lina. Sie fühlte sich krank, schwach und ein wenig jämmerlich. Ihr Verstand versuchte ihr zu helfen, doch seine Bekundungen, wie lächerlich und infantil ihre Gefühlsregungen waren, deprimierten Lina nur noch mehr. Sie rappelte sich auf, schleppte sich ins Bad. Die Nachrichten auf ihrem Smartphone fügten sich perfekt in das verwirrende Bild der letzten Nacht. Eine Mischung aus Texten an Jonas und ihre Freundinnen, in denen sie versuchte zu erklären oder überhaupt erstmal zu verstehen und zu begreifen, was mit ihr passierte. Auch die kalte Dusche brachte ihr keine neue Erkenntnis. Es war als würde das alltägliche Leben an ihr vorbeiziehen und sie würde es von außen betrachten. Die lärmenden Autos auf der Straße, das Geräusch des fließenden Wassers aus der Leitung, das Knacken der Dielen unter ihren Füßen – alles war so nah und gleichzeitig so fern. Es war nichts passiert. Eigentlich war doch gar nichts passiert. Alles was sie erlebt hatte, war Gefühl. Keine Handlung, keine Aktivität – alles war passiv und doch zu bewegt. Ihre Gefühle fuhren im buchstäblichen Sinn Achterbahn. Und das wegen einer Person, die sich doch eigentlich gar nicht kannten. Jonas würde später sagen, dass er in Linas Augen Zuhause gesehen hatte und Lina würde diese Aussage ungesehen unterschreiben. Doch jetzt in diesem Moment, hier unter der Dusche am Morgen danach, da war alles was Lina verspürte blanke Unsicherheit. Ihre Gedanken waren rastlos, nichts konnte sie an diesem Tag beschäftigen. Alle aufgegriffenen Fäden führten letztendlich zu ihm. Zu seinem Lächeln, seine Augen, seinem weichen Haar, in das sich ihre Hand in einem unvorsichtigen Moment verirrt hatte. Das Glück, das Lina verspürte fühlte sich verboten an. Sie hatte das Gefühl diese Nähe, diese Intimität und ja, diese besondere Verbindung nicht verdient zu haben. Zudem erschien ihr der Zeitpunkt für dieses Gefühlschaos denkbar schlecht, war doch alles gerade geordnet und in seinen Bahnen verlaufend von sich gegangen. Ihr Studium war zu Ende, die Berufssuche zwar zermürbend und wenig ertragreich, aber noch nicht vollständig frustrierend. Jonas war wie ein Meteorit auf ihrem kleinen, zwar nicht perfekten aber dafür zufriedenstellend geordnetem Planeten eingeschlagen. Er hatte Feuer und Apokalypse ausgelöst und Gefühle zum Vorschein gebracht, von denen Lina nicht einmal zu träumen gewagt hätte. All die Filme und Bücher, Hollywood und Disney – sie hatten die Liebe so verklärt und übertrieben, dass ihr nicht bewusst gewesen war, dass diese gespielten und aufgeschriebenen Gefühle doch auf einer Wahrheit beruhen könnten. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass die Liebe auch im wahren Leben so sturmhaft, intensiv und unergründlich sein konnte, wie sie es in all den romantischen Komödien und Dramen war. Schon allein deswegen erschienen ihr all ihre Gefühle und ungestümen Gedanken surreal und unvollständig.
Lina wusste sich nicht zu helfen. In den darauffolgenden Tagen versuchte sie sich in Realität, die banaler kaum hätte sein können. Selbst einfache Aufgaben überforderten sie, ihre Aufmerksamkeit und die Konzentration auf überhaupt irgendetwas waren gänzlich unvorhanden. Sie versuchte so zu tun, als wäre sie ihm nie begegnet. Als wäre alles immer noch, wie zu Beginn der Woche.  Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, ihr war durchaus bewusst, dass sie sich selbst belog. Das was da in ihr und mit ihr passierte, war mehr, viel mehr als sie zugeben wollte.

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